Herausforderndes Verhalten bei Demenz verstehen: Das NDB-Modell in der Praxis

Herausforderndes Verhalten bei Demenz verstehen: Das NDB-Modell in der Praxis

Rufen, Umherlaufen, Abwehr bei der Körperpflege, Anschuldigungen gegenüber der eigenen Tochter: Verhaltensweisen wie diese belasten Angehörige und Pflegekräfte oft stärker als der Gedächtnisverlust selbst. Studien zeigen, dass sie im Verlauf einer Demenz bei fast allen Betroffenen mindestens zeitweise auftreten (Cohen-Mansfield, 2001). Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: Das Verhalten ist kein Symptom, das man abstellen muss, sondern eine Mitteilung, die man verstehen kann.

Was bedeutet herausforderndes Verhalten?

Der Begriff hat ältere Bezeichnungen wie Verhaltensauffälligkeit oder Störverhalten bewusst abgelöst. Er verschiebt den Blick: Herausfordernd ist das Verhalten für das Umfeld, nicht für die betroffene Person. Damit wird die Frage nicht mehr lauten, was mit dem Menschen nicht stimmt, sondern was ihm in dieser Situation fehlt.

Fachlich wird meist zwischen mehreren Gruppen unterschieden:

  • Motorische Formen wie Umherlaufen, Nesteln, wiederholtes Aufstehen
  • Verbale Formen wie Rufen, ständiges Wiederholen von Fragen, Schimpfen
  • Aggressive Formen wie Schlagen, Kratzen, Abwehr bei Pflegehandlungen
  • Apathische Formen wie Rückzug, Antriebslosigkeit, fehlende Ansprechbarkeit

Die letzte Gruppe wird häufig übersehen, weil sie niemanden stört. Für die Lebensqualität der Betroffenen ist sie jedoch mindestens ebenso bedeutsam.

Warum Verhalten immer eine Botschaft ist

Tom Kitwood hat mit seinem personzentrierten Ansatz die Grundlage dafür gelegt, Demenz nicht allein als neurologischen Abbauprozess zu sehen. Nach seinem Modell entsteht das Erleben eines Menschen mit Demenz aus dem Zusammenspiel von Hirnschädigung, Persönlichkeit, Biografie, Gesundheit und der sozialen Umgebung (Kitwood, 1997). Nur einer dieser fünf Faktoren ist medizinisch nicht beeinflussbar. Die anderen vier sind es sehr wohl.

Wenn die Fähigkeit schwindet, Bedürfnisse in Worte zu fassen, bleibt der Ausdruck über das Verhalten. Durst, Schmerz, Angst, Langeweile, Überforderung, das Bedürfnis nach Nähe oder nach Rückzug: All das kann sich in derselben Handlung zeigen.

Was besagt das NDB-Modell?

Das Need-driven Dementia-compromised Behavior Modell, kurz NDB-Modell, wurde in den 1990er Jahren von einer Forschungsgruppe um Donna Algase entwickelt (Algase et al., 1996). Es unterscheidet zwei Ebenen von Einflussfaktoren.

Hintergrundfaktoren

Sie sind stabil und kaum veränderbar, erklären aber, warum ein bestimmter Mensch besonders empfindlich auf bestimmte Situationen reagiert:

  • Art und Stadium der Demenz sowie die betroffenen Hirnareale
  • Allgemeiner Gesundheitszustand, Seh- und Hörvermögen
  • Persönlichkeit und typische Bewältigungsmuster
  • Biografie, Beruf, kulturelle und religiöse Prägung

Naheliegende Faktoren

Sie wirken im Moment und sind fast immer beeinflussbar:

  • Körperliche Bedürfnisse: Schmerz, Hunger, Durst, Harndrang, Müdigkeit, Nebenwirkungen von Medikamenten
  • Psychosoziale Bedürfnisse: Langeweile, Einsamkeit, Angst, das Gefühl von Nutzlosigkeit
  • Physische Umgebung: Lärm, grelles Licht, Kälte, unübersichtliche Räume, fehlende Orientierung
  • Soziale Umgebung: Personalwechsel, Hektik, Tonfall, zu viele Menschen im Raum

Die praktische Konsequenz des Modells: Wer ein Verhalten verändern will, setzt bei den naheliegenden Faktoren an, nicht bei der Person.

Fünf typische Situationen und mögliche Deutungen

Abwehr beim Waschen.

Mögliche Ursachen: Das Wasser ist zu kalt, die Situation wird als Übergriff erlebt, die Person friert, sie hat Schmerzen bei der Bewegung, oder sie hat sich zeitlebens abends und nicht morgens gewaschen. Ansatzpunkte: Wassertemperatur prüfen, jeden Handgriff ankündigen, Tageszeit verschieben, ob die Schmerzmittel eingenommen wurden.

Wiederholtes Fragen nach der Mutter.

Meist kein Gedächtnisproblem allein, sondern der Ausdruck eines Bedürfnisses nach Sicherheit und Geborgenheit. Ansatzpunkte: nicht mit der Realität konfrontieren, sondern das Gefühl aufgreifen und über die Mutter ins Gespräch kommen.

Unruhiges Umherlaufen am späten Nachmittag.

Häufig Ausdruck von Ermüdung, Reizüberflutung nach einem vollen Tag oder eines nicht mehr passenden Tagesrhythmus. Ansatzpunkte: Aktivitäten in den Vormittag verlegen, Nachmittag reizarm gestalten, Tageslicht am Morgen erhöhen.

Vorwürfe des Bestehlens.

Oft der Versuch, einen unerklärlichen Verlust zu erklären. Wer nicht mehr weiß, wo er das Portemonnaie hingelegt hat, braucht eine Erklärung, die das eigene Selbstbild schützt. Ansatzpunkte: nicht rechtfertigen, gemeinsam suchen, feste sichtbare Aufbewahrungsorte einrichten.

Rufe und Schreie

Sehr häufig ein Hinweis auf unbehandelte Schmerzen, auf Einsamkeit oder auf sensorische Deprivation. Ansatzpunkte: systematische Schmerzerfassung mit einem geeigneten Instrument, verlässliche Kontaktangebote statt Reaktion nur auf das Rufen.

Wie gehe ich systematisch vor?

  1. Beobachten und dokumentieren: Wann genau tritt das Verhalten auf, wer ist anwesend, was ging voraus, wie endet es? Ein Beobachtungsprotokoll über ein bis zwei Wochen macht Muster sichtbar, die im Alltag untergehen.
  2. Körperliche Ursachen ausschließen: Schmerz, Harnwegsinfekt, Verstopfung, Exsikkose, Seh- und Hörhilfen, neue Medikamente. Ein plötzlicher Verhaltenswechsel ist bis zum Beweis des Gegenteils ein medizinischer Befund.
  3. Hypothese bilden und eine Maßnahme ausprobieren: Immer nur eine Veränderung auf einmal, sonst lässt sich die Wirkung nicht zuordnen.
  4. Auswerten und anpassen: Hat sich etwas verändert? Wenn nicht, nächste Hypothese. Wichtig ist, den Prozess im Team oder in der Familie festzuhalten, damit nicht jede Person wieder von vorn beginnt.

Wann braucht es ärztliche Abklärung?

Nicht jedes Verhalten lässt sich mit Zuwendung und Umgebungsanpassung auflösen. Zeitnah ärztlich abgeklärt werden sollten:

  • Ein plötzlicher, innerhalb von Stunden oder Tagen aufgetretener Wechsel des Verhaltens (Verdacht auf ein Delir)
  • Deutliche Aggression mit Selbst- oder Fremdgefährdung
  • Anhaltende Verweigerung von Essen und Trinken
  • Deutliche Zeichen von Angst oder Depression über mehrere Wochen


Fazit

Herausforderndes Verhalten ist selten willkürlich. Es ist der Versuch eines Menschen, ein Bedürfnis auszudrücken, für das ihm die Worte fehlen. Das NDB-Modell liefert dafür eine praktikable Ordnung: stabile Hintergrundfaktoren erklären die Empfindlichkeit, veränderbare Umgebungs- und Bedürfnisfaktoren erklären den konkreten Moment.

Für die Praxis heißt das vor allem: erst beobachten, dann deuten, dann handeln. Wer nur auf das Verhalten reagiert, bekämpft ein Symptom. Wer das Bedürfnis dahinter findet, verändert die Situation dauerhaft.

Und ein Teil der Lösung liegt in der Umgebung selbst. Eine Wohnung oder eine Einrichtung, in der Menschen sich zurechtfinden, erzeugt schlicht weniger Anlässe für Unruhe, Angst und Abwehr.

Quellen

Algase, D. L., Beck, C., Kolanowski, A., et al. (1996). Need-driven dementia-compromised behavior: An alternative view of disruptive behavior. American Journal of Alzheimer's Disease and Other Dementias, 11(6), 10 bis 19.

Kitwood, T. (1997). Dementia Reconsidered: The Person Comes First. Open University Press. Deutsch: Demenz. Der personzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Hogrefe.

Cohen-Mansfield, J. (2001). Nonpharmacologic interventions for inappropriate behaviors in dementia: A review, summary, and critique. American Journal of Geriatric Psychiatry, 9(4), 361 bis 381.

Bundesministerium für Gesundheit (2006). Rahmenempfehlungen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz in der stationären Altenhilfe.

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) & Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S3-Leitlinie Demenzen, AWMF-Registernummer 038-013.

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Informationsblatt Herausforderndes Verhalten. www.deutsche-alzheimer.de